Schöpfungsgeschichte II
Ruhende Pferde
Elch in phantastischer Umgebung (Hirsch in Landschaft)

Franz Marc

Schöpfungsgeschichte II

1914
Farbholzschnitt in Schwarz, Gelb und Grün auf Japan
23,8 x 20 cm


Unser Exemplar ist eines von 25 Abzügen der bei Hoberg/Jansen aufgeführten fünften Auflage dieses Motivs ohne den Nachlaß- und Trockenstempel des Verlags verso. Das Blatt erscheint als eines (von 5) in: DIE ERSTE MAPPE (hrsg. von Wolf Przygode, Potsdam, im Verlag der Dichtung von Gustav Kiepenheuer, 1921). Ursprünglich ist die Graphik in einer Ganzpergamentmappe enthalten, die in der Fachschule für kunstgewerbliche Buchbinderei in Weimar unter der Leitung von Otto Dorfner angefertigt wird.

Für eine Ausgabe des Almanachs „Der Blaue Reiter“, die auf Vorschlag von Franz Marc als Bibelausgabe publiziert werden sollte, illustriert der Künstler 1914 in diesem Farbholzschnitt die Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Genesis 2:4-25, dessen Veröffentlichung schließlich durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert wird. Marc reduziert nun noch deutlicher als in den vorangehenden Holzschnitten Tierfiguren in abstrakte Formen und löst sie fast unkenntlich in einem dynamischen und undurchdringlichen Geflecht ineinandergreifender Formen auf. Seine metaphorische Bildsprache ist hier offensichtlich, er illustriert das Chaos vor der Schöpfung und seine Bändigung durch Gottes Gebot. Marc „paraphrasiert“ die Schöpfungsgeschichte in unserer Arbeit durch wellenförmige, sich bündelnde Linien, die zu organischen, gleichsam arabesken-artigen Strukturen verschmelzen und sich in einer Art Gesamtrhythmus bündeln, in dem Tierkörper und abstrakte Formen zusammenfinden. Mehr noch, Marcs außergewöhnliche Komposition verwebt hier Gegenständliches mit Abstraktem, läßt das satte, mit dem Holzstock aufgetragene Schwarz wie flüssige Materie wirken, aus der hier und da ein Funken Licht entsteht, sich bündelt und den Umraum sowie die Schemen darin erhellt. Außergewöhnlich ist in diesem Blatt nicht zuletzt der Einsatz von Farbe: So korrespondieren die dichten Grün- und Gelbtöne zwischen den Formen und verschaffen den starken Kontrasten eine Wärme, die dem Chaos vor der Schöpfung etwas Harmonisches innewohnen läßt.

Franz Marc

Ruhende Pferde

1911/12
Farbholzschnitt in Blau, Grün und Schwarz auf dünnem imitiertem Japan
16,8 x 22,9 cm


Ab dem Winter 1911/12 beschäftigt sich Franz Marc auf Anregung Wassily Kandinskys mit dem Holzschnitt. Und was liegt näher, als sich diesem neuen Medium über ein mit Pinsel und Feder bereits erprobtes Motiv zu nähern: dem Pferd! Ein in Tusche gezeichnetes „Liegendes Pferdchen“ von 1911 bereitet die Komposition vor, bis er vier „Ruhende Pferde“ in Holz schneidet und in drei Farben – Schwarz, Blau und Grün – druckt. Doch im Gegensatz zu dem Skizzenbuchblatt, das sich mit runden, weichen, kompakten Formen auf das Tier konzentriert, bedingt der Holzschnitt eine gewisse Kantigkeit in Kontur und Binnenstruktur, die unseren „Ruhenden Pferden“ etwas Erhabenes verleiht. Marc rückt die Tiere eng zusammen und läßt sie zu einer kompositorischen Einheit verschmelzen, wie er es bereits im Skizzenbuch mit der Einbindung des Pferdes in die umgebende Natur angelegt hat. Die Technik des Holzschneidens ermöglicht dem Künstler nun, den Bildraum ganz neu zu erfassen und ein intensives Zusammenspiel von flächigen und linearen Elementen, von Farbe und Form zu erwirken. Durch die monotypieartige Einfärbung des Druckstocks erscheinen, fast wie mit dem Pinsel gemalt, unsere „Ruhenden Pferde“ in harmonischer Eintracht. Die Darstellung erhält dadurch eine Monumentalität, die auch den Künstler überzeugt haben muß. So folgen auf diese erste Arbeit in der neuen Technik – heute eines der bedeutendsten und gefragtesten Blätter im Oeuvre Marcs – 21 weitere Holzschnitte.

Eine weitere Besonderheit zeichnet unser spezielles Exemplar aus: Es handelt sich um eines der seltenen, von Maria Marc handabgezogenen Exemplare vor den späteren Auflagen für die Zeitschrift „Der Sturm“ (in schwarz-weiß) oder die Galerie Stangl. Maria, die ebenfalls als respektable Künstlerin tätig war, geht 1921 an das Weimarer Bauhaus, arbeitet dort in Lyonel Feiningers Druckwerkstatt und freundet sich eng mit ihm und seiner Frau Julia an. So macht sie den beiden noch im selben Jahr unser Blatt zum persönlichen Geschenk – und erhält von Lyonel Feininger einen Dankesbrief mit der Feststellung, daß der Druck "schöner nicht sein könnte".

Franz Marc

Elch in phantastischer Umgebung (Hirsch in Landschaft)

1913
Bleistift, gewischt, auf Papier (aus dem Skizzenbuch XXIX, S. 1)
12,1 x 15,2 cm


In das Jahr 1913 fällt eine der fruchtbarsten Schaffensphasen Franz Marcs. In dieser Zeit gelangt seine Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Kunstrichtungen – Kubismus, Futurismus, Expressionismus – zu einer vollendeten, eigenständigen Synthese und Marc kann seinen Stil zu zeichnerischer Meisterschaft entwickeln. Die gesamte Komposition unserer Arbeit „Elch in phantastischer Umgebung“ strahlt eine eindringliche Intensität aus: Mit dynamischem Duktus hält der Künstler die kraftvolle Anmutung des Elches fest, der mit gesenktem Kopf und muskulöser Nackenpartie eine animalische Vitalität ausstrahlt.
Bereits 1910 schreibt Franz Marc, daß es ihm nicht um „Tiermalerei“ gehe, sondern um einen „Stil“, in dem die „neuen Bewegungen und Farben“ etwas vom „Empfinden für den organischen Rhythmus aller Dinge“ formulieren sollen. Sich den Tieren wieder anzuvertrauen, ist das Credo von Marcs künstlerischem Schaffen dieser Jahre. Dabei nehmen die Skizzenbücher eine Schlüsselfunktion ein: Im Unterschied zum endgültigen Gemälde ist in der Skizze durch ihre Unmittelbarkeit eine größere gestalterische Unbeschwertheit möglich.
Marc nutzt die technische Freiheit, um seine Visionen zu entwickeln und das Abbild der äußeren Wirklichkeit künstlerisch zu überwinden – unser Blatt ist ein beeindruckendes Zeugnis davon.

Über Franz Marc

Geboren: 1880 in München
Gestorben: 1916 bei Verdun

Franz Marc wird am 8. Februar 1880 in München geboren. Nach dem Abitur immatrikuliert er sich zunächst für ein Philosophiestudium an der Ludwig-Maximilian-Universität München, dass er wegen einer einjährigen Grundausbildung beim Militär, währenddessen Marc das Reiten lernt, nicht antreten sollte. Direkt im Anschluss wechselt er an die Münchner Kunstakademie, an der vor ihm schon sein Vater Malerei studierte. In den folgenden Jahren sind es vor allem die französischen Impressionisten, deren Arbeiten er erstmalig während einer Reise nach Paris 1903 kennenlernt, die Marcs Stil entscheidend verändern sollten. Auf einer weiteren Reise nach Paris im Jahr 1907 gerät der Künstler unter den Einfluss von Paul Cezanne, Paul Gauguin und Vincent van Gogh, für die er sich ausnehmend begeistert. Fortan entstehen Landschaftsmotive und Darstellungen von Tieranatomien, wobei Tiere nunmehr zu seinen Hauptmotiven dieser Zeit gehören. Die Suche nach einem geeigneten Stil führt ihn auf immer größere Formvereinfachungen, die Farbe wird zu einem bedeutenden Ausdrucksmittel. 1910 begegnet ihm August Macke, und beim Besuch einer Ausstellung der „Neuen Künstlervereinigung“ lernt er Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Gabriele Münter kennen. Marcs Stil wechselt zu einer expressiven, starken Farbigkeit, das Gegenständliche immer mehr vernachlässigend. Im Dezember 1911 wird die erste Ausstellung der Redaktion „Der Blaue Reiter“, dessen Mitglied Marc ist, in der Galerie Thannhauser in München eröffnet. Franz Marcs prominente Bilder „Die gelbe Kuh“, „Hocken im Schnee“ und andere entstehen. 1912 publiziert Marc zusammen mit Kandinsky den Künstleralmanach „Der Blaue Reiter“. In dieser Zeit reist er mit Macke nach Paris, wo sie auf Robert Delaunay treffen. Unter Delaunays Einfluß und dem der italienischen Futuristen entwickelt er in seinen Werken starke kubistische und kubofuturistische Bezüge. 1914 siedelt Marc nach Ried bei Benediktbeuern. Dort malt er seine letzten großen Gemälde, die etwas Sinnbildliches, Überzeitliches innehaben, etwa „Rehe im Wald II“. Marc befreit sich vom Naturalismus, die Formen lösen sich langsam auf, und die Gestaltung entwickelt eine eigengesetzliche Dynamik. Am 4. März 1916 fällt Franz Marc in der Nähe von Verdun im Krieg, getroffen von einem Granatenschuss.